Auf BERÖA war ich zu einer Zeit, als man Telefonzellen noch mit 10-Pfennig-Stücken fütterte. Im Flur nahe des Kapelleneingangs hatten wir eine (und wirklich nur eine) davon. Leider war immer eine lange Schlange davor. Meine damalige Verlobte und heutige Frau hatte mir bergeweise 10-Pfennig-Stücke mitgegeben, sehr zum Leidwesen meiner Mitstudenten, denn das verlängerte die Schlange vor der Telefonzelle enorm. Nun gut, wenn man Dank der hohen beröanischen Moral, drei Jahre 700 km weit auseinander leben muss, sollte solches Warten für die Kollegen doch Peanuts sein…
Handy, Telefon, Iphone oder Laptop? Fehlanzeige. Meine elektrische Schreibmaschine aus dem Hause „Quelle“ ließ meine Zimmerkollegen bei jedem Tastendruck hochschießen, so durchdringend gut funktionierte sie. Meine Zimmergenossen hatten auch immer ausreichend Gelegenheit, sich in der Geistesfrucht der Geduld zu üben, besonders wenn ich schnarchte. Mal zogen sie aus, mal reagierten sie deutlicher. Mein Freund Gerhard aus Bayern, seinen Nachnamen verrate ich hier nicht, klebte mir während einer Mittags-Schnarchzeit einmal die Finger mit Sekundenkleber zusammen. Innerhalb von kürzester Zeit war mein „Mittagsschnarch“ zu Ende…
BERÖA ist also ein Ort vielfältiger Erfahrungen für mich.
Als die Frage aufkam, auf welche Bibelschule ich gehen würde, kam für mich nur BERÖA infrage, nein, es gab diese Frage eigentlich nicht. Ich hatte eine Berufung von Gott erhalten – und das hieß für mich automatisch BERÖA. Der Bewerber aus dem hohen Norden wurde auch nicht einmal zu einem Gespräch eingeladen. Meine schlichte Bewerbung reichte – und die Empfehlung der Gemeinde.
Heute, zurückblickend, kann ich sagen, dass ich total dankbar bin für die Zeit auf BERÖA. Um einige Dinge hätte ich mich damals mehr kümmern sollen. Die griechischen Vokabeln hatten es mir nicht so sehr angetan, den Hebräisch-Unterricht, damals noch Wahlfach, habe ich mir gar nicht erst zugemutet. Anfang August in Israel habe ich das wieder extrem bedauert.
Im Besonderen: Was war für mich während meiner Zeit auf BERÖA wichtig? Was hat Spuren hinterlassen? Wofür bin ich dankbar?
Wort Gottes und geistliche Prägung.
Eine klare Beziehung zum Wort Gottes, ein tiefes Schriftverständnis und eine Ehrfurcht vor dem Wort Gottes sind mir vermittelt worden. Ich denke an den ehrwürdigen „Rabbi Lukas“, der uns mit Liebe das Alte Testament nahe gebracht hat. Seine Didaktik war nicht immer wirklich prickelnd, aber er liebte das Wort Gottes. Das hat mir Liebe zum Wort Gottes vermittelt, und Zugang auch zu Bereichen, in denen ich nicht so zu Hause war. Ich denke an Reinhold U., der uns ein prägendes Verständnis der Pneumatologie vermittelt hat. Noch heute profitiere ich von Aufzeichnungen, die ich in seinem Unterricht gemacht habe. Ich denke an Gladys und Paul W., die mir wirkliche Liebe zum Kinderdienst vermittelt haben. Ihre schlichte und einfache Art, gekoppelt mit einer gigantischen Hingabe, war einzigartig. Ich denke an Richard K. und seine vielfältigen Impulse besonders im Bereich des prophetischen Wortes. Danke euch allen, dass ihr mir geistliche Prägung mitgegeben habt.
Gebet, Lobpreis, Gabendienst
Monatlich hatten wir damals Gebetstage auf BERÖA. Sie haben tiefen Eindruck bei mir hinterlassen. Die Musikräume waren in Doppelfunktion, mal zum Musizieren, mal zum Beten. Die Herausforderung, geistlich dran zu bleiben, haben das Gebet bei mir wachsen lassen, mir im Lobpreis Freiheit gegeben und für den späteren Gabendienst wichtige Impulse gesetzt.
Dienstbereitschaft und Haltung
Ein wichtiges Momentum, was in mir auf BERÖA vertieft wurde, war die Dienstbereitschaft. Lehrer, Schüler und Mitarbeiter waren darin für mich ein Vorbild – nicht alle, aber viele! Damals hatten wir an Wochenenden immer wieder Reisedienste. Außerdem machten wir regelmäßig Musikfeste. Die mussten vorbereitet werden. Dazu kamen Einsätze in den Gemeinden vor Ort. Oft haben wir gestöhnt über die Menge an Arbeit, die damit verbunden war. Aber geschadet hat es mir nicht. Nein, im Gegenteil, es hat in mir eine Diensthaltung vermittelt und vertieft. Dafür war BERÖA äußerst wichtig.
Stallgeruch, Identität und Freundschaften
Der BFP war mir von meiner Heimatgemeinde zwar vertraut, aber eine innere Identität hatte ich nicht. Dazu war ich wohl auch noch zu jung. Zur Identität hat aber BERÖA entscheidend beigetragen. Ich habe einen Stallgeruch mitbekommen, eine innere Identität entwickelt. Viele Freundschaften sind damals entstanden, die noch bis heute andauern.
Praxisbezug
Gerne denke an meine Gemeindepraktika zurück. Ob unter den Fittichen von Ingolf E., den ich für einige Zeit in seiner Gemeinde vertreten durfte, ob in der Zeltmission in Buxtehude, wo ich vor allem für den Kinderdienst verantwortlich war und unseren heutigen Generalsekretär Hartmut K. in einer besonderen Situation kennenlernte, ob in Griesheim unter Manfred H., wohin wir dann auch nach der Bibelschule gingen.
Praktische Fähigkeiten
Gestern haben wir 30 Jahre Bernd und Doris B. gefeiert. Bernd war immer sehr charmant zu mir: „Herr Professor, wollen Sie mir nicht wieder mal auf BAURÖA helfen“. Meistens habe ich ihm gerne zugesagt, da man auf dem Bau ja keine Vokabeln lernen musste. Das hatte auch Vorteile. Ob Heizungsbau, Deckenverputz, das Schütten von Betonsäulen (und worauf man dabei achten muss), das Schutzgasschweißen – alles habe ich auf BAURÖA gelernt und es hat mir später auch nicht geschadet, im Gegenteil. Danke Bernd, für deinen Anteil daran.
Ich denke an die vielen Missionare der Assemblies of God, mit denen wir auf BERÖA zu tun hatten. Hier habe ich große Teile meines „Frommen Englisch“ gelernt“. Das war sehr wichtig für mich. Auch habe ich die Buchbinderei gelernt. In den Pausen sprangen wir damals immer zum mittäglichen Bad in den Papiercontainer der benachbarten Druckerei. Einfach herrlich in den Papierschnipseln zu „baden“. So manche Buchreste haben wir gefunden, die wir eifrig mit Pattex zu Büchern banden. Ich klebte nicht nur Bücher, ich kaufte auch viele – sehr viele. So wurden aus drei Büchern beim Einzug, beim Auszug aus Ägypten, Verzeihung Beröa, über 30 Bananenkartons, fast wie bei der Brotvermehrung.
„Man muss Menschen mögen“
Es war Günter K. aus Mannheim, der mir diesen Satz in der Nachberöazeit vermittelt hat. Und ich ergänze: Auch wenn sie nicht perfekt sind oder perfekt handeln. Nicht alle Persönlichkeiten auf BERÖA waren kompatibel zu mir, nicht alle perfekt, auch nicht alle Lehrer. Mein koreanischer Banknachbar mit dem merkenswerten Namen „Oh“, der montags von seiner Frau zurückkommend, mit einer umwerfenden Knoblauchfahne in der Bank neben mir saß, war schon eine echte Herausforderung für mich. Ich denke an einen Ludwig E., der feine homiletische und seelsorgerliche Grundlagen bei mir gelegt hat. Ich denke, an einen Manfred H., von dem ich persönlich sehr viel gelernt habe und der mich enorm geprägt hat, auch später in Griesheim. Umso schwerer fiel es mir, spätere Ereignisse zu verkraften. Menschen, auch Lehrer, sind nicht fehlerfrei und vor unguten Schritten gefeit, auch das habe ich auf BERÖA gelernt.
BERÖA – ich danke dir für das, was du in meine Persönlichkeit hineingelegt hast, an mir geformt hast. Im Sinne des Letztgesagten kann ich über dich nur abschließend sagen: Du warst nicht immer das perfekte Theologische Seminar, aber du warst gut zu mir. Das kann ich heute uneingeschränkt und mit Überzeugung sagen. Dürfte oder besser gesagt müsste ich heute noch einmal studieren, ich würde mich wieder für dich entscheiden.
Auch wenn du nun bereits eine ehrwürdige 60-jährige Dame bist, vielleicht manche Falte hast, erlaube ich mir dir – ohne rot zu werden, eine kleine Liebeserklärung zu machen: BERÖA – I really love you.